Vergangen

Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic / Start

22.06.2017

Carport Bar ab 20 Uhr
Ausstellung, 22. Juni – 29. Oktober 2017
Sommerpause, 1. – 31. August 2017


‚Do Things‘ ist eine stete Sammlung von Sachen, die a) von Something Fantastic gemacht sind, b) schön sind, c) in Rio de Janeiro gefunden wurden, d) Teil des akademischen Kanons sind, e) kopiert sind, f) von Borges stammen, g) noch keinen Namen haben, h) nicht gestaltet aussehen, i) in sich Ideen für eine bessere Zukunft tragen, j) einfach sind, k) inspirieren. 
– Something Fantastic, 2017

Mit diesem kurzem Manifest übernimmt das Berliner Architekturbüro Something Fantastic nicht nur die Form der fiktiven chinesischen Enzyklopädie von Jorge Luis Borges*, sondern demonstriert bereits, was ihre Praxis ausmacht: die Zukunft mit dem Vorhandenen und Verfügbaren zu gestalten, dessen vielfältige Möglichkeiten aber noch im Verborgenen verharren, da sie über die bisher denkbaren Ordnungssysteme und Kategorisierungen hinausreichen. Für ihre Forschungen verlassen Something Fantastic das sichere Feld der klassischen Architektur, um – wie der Philosoph Michel Foucault, der Borges Enzyklopädie in Die Ordnung der Dinge zitiert – einen Raum für das Heterogene und nicht mehr eindeutig Klassifizierbare zu erzeugen.

Der befreiende Weg, den Something Fantastic einschlagen, liegt in ihrem generellen Interesse an der Welt und der Überzeugung, dass alles die Architektur beeinflusst und sie sich umgekehrt auf alles auswirkt, gepaart mit ihrem Glauben, dass ein Bewusstsein für Schönheit die Welt verbessern kann. Sie reisen als Anthropologen der Gegenwart durch die Welt, fotografieren und archivieren architektonische Momente, die das Zusammenspiel aus Materialität und Atmosphäre in den Mittelpunkt rücken. Und so wie Anthropologen ‚schreiben’ Something Fantastic alles auf, verharren aber nicht im Interpretieren und Ordnen des Gesehenen, sondern setzen das Vorhandene und doch Fremde in das Vertraute, um Schönheit hervorzubringen. Diese, so ihre Überzeugung, kann die Welt verändern, die Zukunft gestalten und die Menschen glücklicher machen.

 Do Things kann wortwörtlich als Anleitung dafür verstanden werden: Die Ausstellung zeigt nebeneinander und ohne erkennbares Ordnungssystem Fotoprints, Fototapeten, digitale Bilder und Objekte von dem, was Something Fantastic gesehen, und dem, was sie auf Basis des Gesehenen als Architekturbüro umgesetzt haben. Input und Output überlagern sich dabei in einem wilden Kompendium von Ideen, Inspirationen und Lösungen. Dazu gehört aber nicht nur das Gesehene, sondern auch das Gelesene. Zur Eröffnung stellen Something Fantastic erstmals ihr neues Projekt Replica Books vor, ein Verlag, der vergriffene Bücher, die für die Welt weiterhin verfügbar sein sollen, auf schlichte und preiswerte Weise nachdruckt. In der temporär für den Abend von Something Fantastic betriebenen Carport Bar kann man dann tatsächlich erleben, wie auch mit kleinen Projekten ein Bewusstsein für Veränderung geschaffen wird: Ein Carport wird zu einer Bar und die Steinbank, die das Bunkergebäude des BNKR umsäumt, zu einem sozialen und öffentlichen Treffpunkt. Sie erzeugen, um nochmals Foucault zu zitierten, ein Heterotopie, also einen dieser anderen, wenn auch realen Räume, die Gegenorte darstellen; verwirklichte Utopien, die die anderen realen Orte in Frage stellen und die Fähigkeit besitzen, mehrere reale Räume, mehrere Orte, die eigentlich nicht miteinander verträglich sind, an einem einzigen Ort nebeneinander zu stellen.

Die Ausstellung ist Teil des 15-monatigen Programms Stop Making Sense, it’s as good as it gets.**, das wiederum auf dem Roman Satin Island von Tom McCarthy basiert, welches die Definition von Roman als solchen erweitert. Auf der Rückseite der englischen Ausgabe des Buches werden die weiteren Textgattungen ‚Manifest, Bericht, Traktat und Bekenntnis’ aufgelistet, allesamt durchgestrichen bis auf ‚Roman’. Wenn auch durchgestrichen, sind die verschiedenen Genres weiterhin gut lesbar; sie sind weniger als eine Abgrenzung des Genre ‚Romans’ zu verstehen, als eine Erweiterung all dessen, was Roman auch sein kann. Something Fantastic verfahren ähnlich mit dem Begriff ‚Architektur’. Sie als Architekten lassen sich von dem, was die Welt ihnen im Kleinen wie im Großen zeigt ebenso inspirieren wie von Kunst, Literatur und Wissenschaft. Sie denken, lehren und gestalten Gebäude ebenso wie Objekte und Bücher, sie sind Städteplaner, Textverfasser, Weltverbesserer, Anthropologen, Zukunftsforscher, Dienstleister und Partyveranstalter. Es ist eine neue Form von Autonomie, die sie als Something Fantastic definieren, um in der komplexen Gegenwart Zukunft gestalten zu können. Was zählt ist, die Erzählung umschreiben zu können, wann immer man es für notwendig erachtet.

* Jorge Luis Borges chinesische Enzyklopädie a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen

– Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, 12. Auflage, Frankfurt am Main 1994, 17

 ** Stop making sense, it’s as good as it gets. ist ein Programm von Ludwig Engel und Joanna Kamm, das aus der Lektüre des Romans Satin Island von Tom McCarthy entstanden ist. Das Buch erzählt von der Unmöglichkeit im Präsens anzugelangen, von dem Scheitern des Schreibens eines ‚Großen Berichts’ der Gegenwart. Dem Gedanken folgend, werden Künstler, Schriftsteller, Architekten, Theoretiker und Wissenschaftler eingeladen, ihre Vorstellungen von Zeit in unterschiedlichen Formaten zur Diskussion zu stellen. Jede Veranstaltung wird von Marie-France Rafael in Zusammenarbeit mit An Laphan für das Projekt Film als Ausstellung / Ausstellung als Film aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen, um zum Ende des Programms mit dem gesammelten Filmmaterial ihre ganz eigene Geschichte von Stop Making Sense, it’s as good as it gets. zu erzählen.

01_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


02_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


03_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


04_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


05_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


06_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


07_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


08_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


09_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle


10_Do Things – eine Ausstellung von Something Fantastic (22.06.2017) / Fotografie: Edward Beierle