Laufend

Stop making sense, it’s as good as it gets.

Lucid investigations in(to) time

April 2017 – Juli 2018

 

Event
Ausstellung
Symposium
Serie
Programm
Lesung

Wie wir Zeit wahrnehmen, hängt mit unserem emotionalen Zustand, dem Kontext, in dem wir uns befinden, und den aufeinander einwirkenden persönlichen Erfahrungen und Erwartungen zusammen, die wir an einen bestimmten Moment knüpfen. Jeder dieser Gegenwartsmomente ist angefüllt mit verpassten Chancen, einem „Death Valley“ an uneingelösten Zukünften, das uns die Gegenwart wiederum als unvollständig erscheinen und dem Heute mit einer gewissen Anspannung begegnen lässt. Besonders dann, wenn diese Gegenwart unseren Erwartungen nicht entspricht, erleben wir dieses Gegenwärtigwerden als eine Entfremdung von der Wirklichkeit, die unsere Hoffnungen und Wünsche nicht in Präsens setzt, sondern in vergangene Zukünfte verwandelt. So lässt sich vielleicht auch erklären, warum uns Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen wie Paradiese vorkommen, die frei interpretierbar sind, in denen nichts festgeschrieben ist, während die Gegenwart nichts von diesem Glanz des Gestern und Morgen in sich trägt. Was passiert, wenn wir diese Wahrnehmung aufbrechen, wenn wir nicht in und von der Vergangenheit und Zukunft träumen, sondern uns in einer Vorstellung von Gegenwart bewegen, in der alles gleichzeitig vorhanden ist und die lineare Struktur von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Möglichkeit von vielen darstellt?

Stop making sense, it’s as good as it gets. ist aus der Lektüre des Romans Satin Island von Tom McCarthy entstanden: einem Bericht über die Unmöglichkeit im Präsens anzugelangen, eine Erzählung über das Scheitern des Schreibens eines ‚Großen Berichts’ der Gegenwart. Dem Gedanken folgend, werden Künstler, Schriftsteller, Architekten, Theoretiker und Wissenschaftler eingeladen, ihre Vorstellungen von Zeit anhand von fünf zentralen Begriffen, die aus Satin Island abgeleitet sind, in unterschiedlichen Formaten zur Diskussion zu stellen: Artefacts, Buffering, Narratives, Patterns, Uncertainty.

#Artefacts
Die Welt lässt sich als seine Sammlung von Artefakten lesen, die ohne Angaben zum Sortierungs- und Darstellungskontext vollkommen sinn- und nutzlos erscheinen. Wenn wir der sich wandelnden Bedeutung von Artefakten durch verschiedene Taxonomien und Archive folgen, können wir diese als Referenzen mit unbestimmter Funktion erkennen – und damit ihr Potential als Zukunftswerkzeug.

“Structures of kinship; systems of exchange, barter and gift; symbolic operations lurking on the flip side of the habitual and the banal: Identifying these, prizing them out and holding them up, kicking and wriggling, to the light—that’s my racket.” – Tom McCarthy: Satin Island (2016)

#Buffering
Gerade in der digitalen Welt sind wir zwischen Erfahrung und Erwartung zerrissen: Die Strategie des Computers diese beiden Entitäten in Balance zu halten, wird dabei immer wieder durch seine Taktik des Buffering an die Grenzen gebracht und konfrontiert uns beim Suchen und Filtern von Informationen in den digitalen Netzwerken mit dem Paradoxon von Schrödingers Katze: Lädt der Inhalt? Welcher Inhalt? Was meint eigentlich „laden“? Während also die Gegenwart einen Puffer zwischen uns und die Erkenntnis (Antwort oder Absturz) schiebt, werden wir selbst durch alle Zeiten geworfen, in denen wir unablässig nach Informationen suchen, die in eine bestimmte Zukunft deuten.

„A line to a rollercoaster in an amusement park shares many similarities [with a data buffer]. People who ride the coaster come in at an unknown and often variable pace, but the roller coaster will be able to load people in bursts (as a coaster arrives and is loaded). The queue area acts as a buffer—a temporary space where those wishing to ride wait until the ride is available.“ – Wikipedia. Data Buffer (2016)

#Narratives
Die durch eine digitale Informationsschicht erweiterte Gegenwart präsentiert eine Welt frei von Zwängen: Nichts existiert nirgendwo, alles existiert überall. Wie können hier Wegweiser aussehen, die uns zu Narrativen jenseits von linear strukturierten Zeitkonstruktionen weisen?

All moments, past, present and future, always have existed, always will exist. […] There is no beginning, no middle, no end, no suspense, no moral, no causes, no effects. What we love in our books are the depths of many marvelous moments seen all at one time.“ – Kurt Vonnegut: Slaughterhouse-Five (1969)

#Patterns
Wenn wir genau hinschauen und neugierig sind, erscheinen uns Pattern in der Komplexität der Gegenwart. Natürlich finden wir Verbindungen zwischen Informationen, Kontexten und Menschen immer genau dort, wo wir nach Hinweisen suchen.

“Just because we’re paranoid, it doesn’t necessarily mean that no one is after us.” – Joseph Heller: Catch-22 (1961)

#Uncertainty
Wir interessieren uns für die Zukunft, weil dies die Zeit ist, in der wir einmal leben werden: alle Entscheidungen und Handlungen, die die Zukunft betreffen, sind strategisch, es geht darum Wissen über Entwicklungen zu generieren, allerdings auf Grundlage der Unsicherheit, dass diese noch gar nicht eingetreten sind und dementsprechend per se „unwissbar“ bleiben müssen. Die Zukunft ist in diesem Sinne also nicht nur eine extrem relevante, sondern auch eine extrem unsichere Zeit – und doch basiert all unser Handeln auf einem aktiven Umgang mit dieser Unsicherheit. Es ist ein großes Paradox: Wir können die Zukunft nicht wissen und doch müssen wir handeln, wollen wir sie denn gestalten.

“…several things dovetailed in my mind, & at once it struck me, what quality went to form a Man of Achievement especially in Literature which Shakespeare possessed so enormously – I mean NEGATIVE CAPABILITY, that is when man is capable of being in uncertainties, mysteries, doubts, without any irritable reaching after fact & reason – “ – John Keats: Negative Capability (1817)


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