Intervall: THE ARCHITECTURE OF

THE ARCHITECTURE OF CONFINEMENT

19.06.2021

Mit Nadia-Kaabi-Linke, Özgür Kar, Joanna Piotrowska, Mona Hatoum, Ramzi Ben Sliman und Annika Kahrs.

 

Die Ausstellungs-Trilogie THE ARCHITECTURE OF, kuratiert von Sam Bardaouil und Till Fellrath, zeigt künstlerische Positionen an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Dabei bezieht sich jede der drei Ausstellungen direkt auf unterschiedliche Kapitel der wechselhaften Geschichte des Ausstellungsgebäudes. Der zweite Teil The Architecture of Confinement  nimmt die Nutzung des Gebäudes als Internierungslager während der Entnazifizierungspolitik von 1945 bis 1948 als inhaltlichen Ausgangspunkt. 

Eine ortsspezifische Installation von Nadia Kaabi-Linke thematisiert die Architektur des Gefangenseins. Özgür Kar's Videoinstallation zeigt die Auswirkungen von Isolation auf das Individuum auf. Joanna Piotrowska untersucht in ihren Fotografien die Beziehung des Körpers zu seinem physischen Umfeld. Eine Skulptur von Mona Hatoum widmet sich humorvoll der gegenseitigen Abhängigkeit zweier sich nahestehenden Menschen. Ramzi Ben Sliman's  Film zeigt die Kraft der Kunst auf, soziale und gesellschaftliche Grenzen zu überschreiten. Eine speziell für diese Ausstellung in Auftrag gegebene Arbeit von  Annika Kahrs widmet sich dem Zusammenhang von Raum und Klang in Zeiten der Isolation. 

Eine umfassende Archivwand, die im Zentrum der Ausstellung präsentiert wird, ergänzt die künstlerischen Positionen. Sie illustriert sowohl den historischen Kontext der ursprünglichen Nutzung des Gebäudes als Bunker während des Zweiten Weltkriegs als auch dessen Funktion und Bedeutung in der Nachkriegszeit und die Umnutzung und Transformation der Architektur in ihren heutigen Zustand. Die Ausstellung setzt die gezeigten, künstlerischen Positionen in direkten Bezug zur Geschichte des Ortes und den architektonischen Gegebenheiten der engen Räume. Dadurch sollen sie den Besucher zu einer Reflektion über physische und soziale Beschränkungen und deren Auswirkungen auf das Individuum anregen.

 

 

Die Ausstellungstrilogie THE ARCHITECTURE OF

Als Trilogie konzipiert umfasst das Programm 2020/2022 mit dem Titel THE ARCHITECTURE OF drei, aufeinanderfolgende Ausstellungen, die jeweils die Verwerfungen und Umbrüche an der Schnittstelle von Kunst und Architektur thematisieren. Indem der Hochbunker als Gebäude dabei zum Ausgangspunkt erklärt wird, werden dessen Geschichte, die Veränderungen in seiner Architektur seit der Errichtung im Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart und schließlich die Nutzung als Wohngebäude verhandelt. Durch die Präsentation von Kunstwerken unterschiedlicher Medien, von Archivmaterial sowie von speziell für den BNKR geschaffenen Arbeiten, lädt THE ARCHITECTURE OF den Betrachter ein, die Komplexität des Wahrnehmens auf physischer und psychologischer Ebene zu hinterfragen.

 

PART 1 | DECEPTION (März 2020 - April 2021)
Der Auftakt der Ausstellungsserie thematisiert Illusionen und Täuschungen, die Erschaffung neuer Realitäten und das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion.

 

PART 2 | CONFINEMENT (Juni 2021 - Oktober 2021)
Widmet sich den Themen Schutz und Sicherheit, Gefangenschaft und Freiheit sowie dem Verhältnis von ‚Außen‘ versus ‚Innen‘.

 

PART 3 | TRANSFORMATION (Dezember 2021 - Mai 2022)
Verhandelt Gentrifizierung sowie Niedergang und Neudefinition von Lebensräumen.

 

KünstlerInnen
Ramzi Ben-Sliman

(*1982 in Paris, lebt und arbeitet in Paris) 
Ramzi Ben Sliman zeigt in seinem Film Grand Hôtel Barbès einen jungen Hauptdarsteller, der nicht in der Lage ist, die Miete seines Zimmers zu bezahlen und frühmorgens aus einem schäbigen Hotel im Norden von Paris auf die Straße geworfen wird. Auf seinem Streifzug durch die Stadt trifft er auf eine Gruppe von Breakdancern, die einen Wettstreit um den besten Tänzer ausfechten. Mit seinen letzten Münzen kauft er sich ein und verzaubert das Publikum mit seinem Ballettanz, den er zu den Klängen Mozarts darbietet. Während der auf den Straßen der Armenviertel von New York entstandene Breakdance mit dem Kopf nach unten wütend in den Boden hineingetanzt wird, zeichnet sich das oft elitäre, klassische Ballett mit seinen aufsteigenden Bewegungen durch seine Betonung von Leichtigkeit und Erhabenheit aus. Dabei spielt der Regisseur mit gängigen Vorurteilen und durchbricht auf poetische Weise soziale und ethnische Grenzen.

Mona Hatoum

(*1952 in Beirut, lebt und arbeitet in London und Berlin)
Die Skulptur T42 (Gold) ist charakteristisch für Hatoum‘s Ansatz, bei dem einfache Alltagsgegenstände mit einem unheimlichen und humorvollen Hauch von Surrealismus verwandelt werden. Der Titel spielt mit der englischen Aussprache der einzelnen Buchstaben und Zahlen, und kann in etwa mit „Tee für Zwei“ übersetzt werden. In dieser Arbeit hat Hatoum die Grundform einer weißen Porzellanteetasse untergraben, indem sie sie verdoppelte, so dass das resultierende Objekt etwas sehr Intimes suggeriert, das wie der Kuss von Brancusi zwei Formen darstellt, die so nahe beieinander liegen, dass sie miteinander verschmolzen sind. Der Titel der Arbeit weist auf die soziale Formalität hin, die mit dem Trinken von Tee verbunden ist und im Widerspruch zur romantischen Geste der Skulptur selbst steht. Im Rahmen der Ausstellung visualisiert das Kunstwerk wie zwei eng miteinander verbundene Personen gleichzeitig ihre individuellen Bewegungen und Handlungen einschränken können.

Nadia Kaabi-Linke

(*1978 in Tunis, lebt und arbeitet in Berlin und Kiew)
In Modulor I zeichnet Nadia Kaabi-Linke die Dimensionen von Gefängniszellen nach, die in unterschiedlichen Anstalten weltweit zur Einzelhaft verwendet werden. Ohne es zu bemerken, werden die Besucher unmittelbar ein Teil der Installation, in dem sie sich beim Betreten des Ausstellungsraumes innerhalb der imaginären Zellen befinden. Der Titel der Arbeit bezieht sich direkt auf Le Corbusier’s Modulor und seiner Vorstellung von der Rationalisierung des Raumes und dessen optimaler Form. Durch die Überlappung der Linien, welche die Umrissmaße der Zellen abbilden, entsteht eine abstrakte, geometrische Raumzeichnung. Die beengte Architektur des Ausstellungsraumes, und der versperrte Blick nach draußen verweisen zusätzlich auf die Lebensbedingungen der Häftlinge. Durch die Hinweise auf die Ortsbezeichnungen der jeweiligen Gefängnisse bietet die Installation einen Überblick unterschiedlicher Haftbedingungen und visualisiert zugleich eindrücklich die Architektur des Gefangenseins.

Annika Kahrs

(*1984 in Achim, lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin)
Die Video- und Soundinstallation our Solo experimentiert mit einer Vermischung der Wahrnehmung von Musikproduktion in klassischen Konzerträumen und von privat gespielter Musik. Dabei sind vier professionelle Musiker/innen zu sehen, die scheinbar über physische Distanzen hinweg in einen Dialog treten. Drei der Musiker/innen spielen jeweils allein in ihren Privaträumen, üben Musikstücke und Melodien, improvisieren individuelle Sound-Fragmente. Ihre Musik scheint durch die Wände in einen leeren Konzertsaal zu gelangen auf dessen Bühne eine Sopranistin steht. Es erklingen Melodien, die als direkte Aufforderung an die Sopranistin für ihre Bühnenperformance verstanden werden, die in diesen Momenten auf die ganz unterschiedlichen, intimen Performances reagiert. Durch die Präsentation der Arbeit im Keller des BNKR verwischen sich die Grenzen von Zuhören und Darbieten, Innenraum und Außenraum, und von privater und öffentlicher Musik.

Özgür Kar

(*1992 in Ankara, lebt und arbeitet in Amsterdam)
Die Arbeit It is all in his head (Es ist alles in seinem Kopf) versinnbildlicht eine reduzierte Vision des menschlichen Lebens in seinem einsamen Kern. Auf zwei miteinander verbundenen Bildschirmen ist der Umriss einer menschlichen Figur in Embryonalstellung zu sehen, die im Schlaf versunken scheint. Dabei gibt sie kaum erkennbare Wortfragmente und Laute von sich, die bereits im Eingang der Ausstellung wahrnehmbar sind und an Traumwelten kindlicher Schlaflieder erinnern. Erst bei längerer Betrachtung sind minimale Bewegungen der Figur zu erkennen, die sowohl kindliche als auch erwachsene Züge trägt. Die Architektur des Ausstellungsraums und der schwarze Rahmen der beiden Monitore verstärken die ambivalent ausgedrückten Gefühle von Schutz, Gefangenheit, und Einsamkeit.

Joanna Piotrowska

(*1985 in Warschau, lebt und arbeitet in London)
Ein zentrales Element in  Joanna Piotrowska‘s Arbeit ist das Verhältnis des Körpers zum physischen Raum. Beim Betreten und Verlassen des Ausstellungsraums trifft der Betrachter auf ein Bild überlappender Türen. Die inhärent konfliktreiche Zusammensetzung lässt Zweifel daran aufkommen, ob sie nach außen führen oder ob sie selbst physische Hindernisse sind. Eine weitere Arbeit, die am Eingang des ersten Hauptraums installiert ist, zeigt zwei Händepaare, die in einer konfliktreichen Geste aus Beistand und Zwang ineinander geballt sind. In ihrer Serie Frantic, von der drei Arbeiten in den Ausstellungsräumen zu sehen sind, bat die Künstlerin unterschiedliche Personen, Notunterkünfte mit Gegenständen zu errichten, die aus ihren Wohnungen stammen. Die Bewohner sind in diesen Räumen zusammengekauert und ihre Körper passen kaum hinein. In Bezug auf das kindliche Spielen mit Zelten, verweisen die Bilder eher auf Strukturen von Gefangenheit und Flucht anstatt auf Intimität und Schutz.

 

KuratorInnen
Sam Bardaouil / Till Fellrath

Sam Bardaouil und Till Fellrath sind Gründer und Direktoren der multidisziplinären, kuratorischen Plattform artReoriented, die 2009 in New York und München ins Leben gerufen wurde. Sie sind Kuratoren der Lyon Biennale 2022, des französischen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2022, und Affiliate-Kuratoren am Gropius Bau in Berlin. Ab 1. Januar 2022 übernehmen sie als Direktoren die Leitung des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart in Berlin. Bardaouil und Fellrath haben als künstlerisches Duo mit mehr als 70 Institutionen weltweit zusammengearbeitet und Ausstellungen kuratiert, darunter Centre Pompidou in Paris, Villa Empain in Brüssel, Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, Tate Liverpool, ARTER in Istanbul, Gwangju und Busan Museum of Art in Südkorea, Saradar-Sammlung in Beirut, Mathaf: Arabisches Museum für moderne Kunst in Doha, SCAD-Kunstmuseum in Savannah, Moderna Museet in Stockholm und Reina Sofia in Madrid. 2016 waren sie kuratorische Attachés für die Biennale von Sydney. Auf der Biennale in Venedig waren sie Kuratoren der Nationalen Pavillons des Libanon in 2013 und der Vereinigten Arabischen Emirate in 2019. Von 2016 bis 2020 waren sie Chairmen der Montblanc Kulturstiftung in Hamburg. Bardaouil und Fellrath gründeten artReoriented, um traditionelle Modelle des kulturellen Engagements zu überdenken. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die Inklusivität künstlerischer und institutioneller Praktiken sowie ein revisionistischer Ansatz zur Kunstgeschichte. Sie sind international anerkannte Kuratoren und preisgekrönte Autoren, deren Praxis sowohl in der zeitgenössischen globalen Kunst als auch im Bereich der klassichen Moderne verwurzelt ist. Sie hatten Lehraufträge an verschiedenen Universitäten inne, darunter an der Tisch School of the Arts der New York University, der Shanghai Academy of Fine Arts und der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Ihre unterschiedlichen, kulturellen und akademischen Hintergründe bereichern ihr inhärent kollaboratives Modell. Bardaouil, geboren im Libanon, ist promovierter Kunsthistoriker und studierter Theaterwissenschaftler. Fellrath, geboren in Deutschland,  ist studierter Wirtschafts- und Politikwissenschaftler und derzeit Professor für Designbezogene Wissenschaften an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.